Heilpflanzen: Menschheitsbegleiter

10. Oktober 2013
Kuemmelsamen - Carvum carvi

Küm­mel­sa­men — Car­vum car­vi — wur­den in Grab­bei­la­gen gefun­den

Heil­pflan­zen-Anwen­dun­gen beglei­ten die Mensch­heit seit Anbe­ginn. Die jahr­tau­sen­de­al­te Tra­di­ti­on der Ver­wen­dung von Heil­pflan­zen konn­te z.B. durch Grab­bei­la­gen oder alte Doku­men­ta­tio­nen wie das  Papy­rus Ebers nach­voll­zo­gen wer­den. Arznei­pflan­zen wur­den zum Vor­beu­gen, Hei­len, Lin­dern von Krank­hei­ten ein­ge­setzt, Gewür­ze zur Ver­bes­se­rung des Geschmacks  oder z.B. zur Ver­dau­ungs­för­de­rung. Heil­pflan­zen wie Gewür­ze erfuh­ren je nach kul­tu­rel­lem Hin­ter­grund der jewei­li­gen Län­der unter­schied­li­che Ver­ar­bei­tun­gen oder The­ra­pie­for­men.

Die geo­gra­phi­schen, kli­ma­ti­schen Bedin­gun­gen schla­gen sich eben­falls nie­der. So kom­men in der Ayur­ve­di­schen, Tibe­ti­schen, Chi­ne­si­schen oder Japa­ni­schen Medi­zin natür­lich ande­re Pflan­zen zum Ein­satz als in der tra­di­tio­nel­len euro­päi­schen Medi­zin (TEM). Die jewei­li­gen bekann­ten, ver­wen­de­ten Heil­pflan­zen waren dann im deutsch­spra­chi­gen Raum auch bei Wei­ter­ent­wick­lun­gen grund­le­gend betei­ligt wie bei­spiels­wei­se der Homöo­pa­thie, Spa­gy­rik oder der Anthro­po­so­phi­sche Medi­zin mit ihren beson­de­ren The­ra­pie­kon­zep­ten.

Ingwerwurzel: Zinigberis rhizoma

Ing­wer­wur­zel: Zinig­be­ris rhi­zo­ma — nicht weg­zu­den­ken aus der Ayur­ve­di­schen oder Chi­ne­si­schen Medi­zin

Das Wis­sen um die Heil­pflan­zen fließt eben­so in die moder­ne Medi­zin: Heil­pflan­zen und ihre Wirk­stof­fe waren und sind die Grund­la­ge für die Ent­wick­lung zum Bei­spiel vie­ler moder­ner Arz­nei­mit­tel. Mitt­ler­wei­le sind zahl­rei­che Ein­zel-Wirk­stof­fe und ihre heil­sa­me Wir­kung von Gewür­zen oder Heil­pflan­zen bekannt. Sie wer­den, wenn dies mög­lich ist, che­misch nach­ge­stellt (syn­the­ti­siert) und als che­mi­scher Wirk­stoff z.B. als Schmerz­mit­tel ver­kauft. Bei­spiel­haft ist die Ent­de­ckung der Ace­tyl­sa­li­zyl­säu­re aus der Wei­den­rin­de zu nen­nen, die zum welt­weit am häu­figs­ten ein­ge­setz­ten Schmerz­mit­tel wur­de. Die­se che­misch klar defi­nier­ten Ein­zel­wirk­stof­fe kön­nen leicht und bil­lig her­ge­stellt wer­den und sind von gro­ßem Nut­zen.

Kamille - eine vielfältig einsetzbare Heilpflanze

Kamil­le — eine viel­fäl­tig ein­setz­ba­re Heil­pflan­ze

Die Pflan­zen­heil­kun­de (Phy­to­the­ra­pie) basiert jedoch meis­tens auf Viel­stoff­ge­mi­schen. Jede Heil­pflan­ze ent­hält eine Viel­zahl an heil­sa­men Wirk­stof­fen, die dann in einer bestimm­ten Zusam­men­set­zung erst die “rich­ti­ge” Wir­kung im Kör­per des Men­schen oder Tie­res ent­fal­ten. Das Geheim­nis von Wirk­stoff-Bou­quets vie­ler Heil­pflan­zen ist noch nicht wirk­lich gelüf­tet und wird wahr­schein­lich auch zukünf­tig noch vie­le Wis­sen­schaft­ler beschäf­ti­gen.

Johanniskraut wirksam bei Depressionen (Hypericum perforatum)

Johan­nis­kraut wirk­sam bei Depres­sio­nen (Hype­ri­cum per­fo­ra­tum)

Nun hat der Wis­sen­schafts­glau­be, der sich in das moder­ne Leben geschli­chen hat, ver­schie­de­ne Nach­tei­le. Denn alles, was nicht wis­sen­schaft­lich, also durch z.B. labor­tech­ni­sche klar und ein­deu­tig in Ent­ste­hung, Wir­kung nach­ge­wie­sen wer­den kann, exis­tiert qua­si nicht oder wird als “unwirk­sam” ein­ge­stuft. Wis­sen­schaft­ler haben seit den 80iger Jah­ren ver­sucht, Arznei­pflan­zen in “wirk­sa­me” — gut ein­setz­ba­re und heil­sa­me — oder “unwirk­sa­me” Heil­pflan­zen ein­zu­tei­len. Lei­der sind bei die­ser Kate­go­ri­sie­rung vie­le Heil­pflan­zen aus dem Kata­log des “Nütz­li­chen, Wirk­sa­men” (Mono­gra­phi­en) gefal­len. Eine beson­ders schlim­me Wen­dung für die deut­sche Phy­to­the­ra­pie hat die Her­aus­nah­me von Phy­to­phar­ma­ka durch Ulla Schmidt aus dem Ver­ord­nungs­ka­ta­log 2004 genom­men. Das heisst nütz­li­che, hoch wirk­sa­me und gute pflanz­li­che Arz­nei­mit­tel wur­den nicht mehr von den Kran­ken­kas­sen bezahlt, son­dern Pati­en­ten muss­ten die­se nun sel­ber bezah­len. Trotz des hohen Nut­zens waren vie­le Pati­en­ten nicht bereit, die­sen Obu­lus für die pflanz­li­chen Arz­nei­mit­tel und ihren Fort­be­stand zu leis­ten. Nur ein paar Jah­re spä­ter ver­schwan­den zahl­rei­che sehr ein­ge­führ­te, her­vor­ra­gen­de Arz­nei­mit­tel und Präpra­te vom deut­schen Arz­nei­mit­tel­markt. Wirt­schaft­lich konn­ten sich vor allem klei­ne­re Phy­to­phar­ma-Her­stel­ler nicht hal­ten und ver­schwan­den (und damit vie­le gute, tra­di­tio­nel­le Rezep­tu­ren) — Markt­be­rei­ni­gung heisst das wohl.  Die deut­sche Phy­to­the­ra­pie hat sich davon bis heu­te nicht erholt. Sie wird nun von eini­gen, weni­gen gro­ßen Arznei­pflan­zen­her­stel­lern reprä­sen­tiert.

Schweizer Alpenwiese

Schwei­zer Alpen­wie­se

Was den Arz­nei­mit­tel­her­stel­lern viel­leicht rich­tig auf die Füs­se fal­len dürf­te, ist, dass die Bun­des­re­gie­rung sehr wenig Geld für die Erfor­schung von Heil­pflan­zen aus­gibt. Dabei könn­ten dar­aus rich­tig inno­va­ti­ve Heil­mit­tel oder Nach­fol­ge­prä­pa­ra­te ent­ste­hen. Und: Es gibt wenig Poli­ti­ker, die sich die­ser Sache anneh­men. Armes Deutsch­land! Dabei war die­ses Land ein­mal das Mut­ter­land der Phy­to­the­ra­pie und hat­te welt­weit einen aus­ge­zeich­ne­ten Ruf. Heu­te leis­ten sich nur noch klei­ne­re Län­der wie die Schweiz oder Island den Luxus einer zu unter­stüt­zen­den Pflan­zen­heil­kun­de. Durch das Schwei­ze­ri­sche Heil­mit­tel- und Kran­ken­ver­si­che­rungs­ge­setzt z.B. ist die Ver­ord­nung von Phy­to­phar­ma­ka in der Grund­ver­si­che­rung ver­an­kert (Volks­ab­stim­mung). Damit hat sie auch für For­schung und Ent­wick­lung ganz ande­re Mög­lich­kei­ten. Die rele­van­ten, inter­es­san­ten Erkennt­nis­se dürf­ten also zukünf­tig aus der Schweiz kom­men oder aus den USA, deren Regie­rung all­jähr­lich 600 Mil­lio­nen $ für Phy­to-For­schung aus­gibt und nicht mehr aus dem Mut­ter­land der Phy­to­the­ra­pie.

 

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2 Kommentare zu „Heilpflanzen: Menschheitsbegleiter“

  1. Rosi sagt:

    ich fin­de es soll­te schon in der Schu­le von klein auf unter­rich­tet wer­den wie wich­tig die “natür­li­che Apo­the­ke ” ist. Eigent­lich schon im Kin­der­gar­ten 😉
    Denn dann gäbe es weni­ger Erkran­kun­gen weil man nicht so viel Che­mie zu sich neh­men muss. Dan­ke für die­sen aus­führ­li­chen Blog.
    Dann woll­te ich fra­gen was du von qwer.com hältst? Ist ein neu­es Blog­ger-Sys­tem.
    Freue mich auf Ant­wort

  2. Marion Kaden sagt:

    das Blog­sys­tem Quer kann­te ich bis­her noch nicht. Kann ich ehr­lich gesagt auch nicht beur­tei­len. Ich benut­ze hier Word­Press und bin wegen der ein­fa­chen Bedie­nung sehr damit zufrie­den. Natur­heil­kund­ler sehen das genau­so wie du: Je frü­her mit dem Heil­pflan­zen­wis­sen begon­nen wird, des­to bes­ser. Es spart an rich­ti­ger Stel­le Geld, die Men­schen müs­sen sich damit nur rich­tig aus­ein­an­der­set­zen. Denn Heil­pflan­zen hei­len nicht nur, sie haben auch Neben­wir­kun­gen und die müs­sen eben bekannt sein.