Szechu­an­pfef­fer oder Anispfeffer

Szechuanpfeffer
Szechu­an­pfef­fer, Japan ‑Pfef­fer, Anispfeffer

Szechu­an­pfef­fer (Zan­th­oxylum pipe­r­itum), auch Japa­ni­scher Pfef­fer oder Anis­pfef­fer genannt, spielt im Film “Mr. Hol­mes” eine bedeut­sa­me Rol­le. Sher­lock Hol­mes, dies­mal 92-jäh­rig, ver­sucht damit sei­nen Gedächt­nis­schwund auf­zu­hal­ten. Der berühm­te Detek­tiv kann sich nicht mehr an sei­nen letz­ten Fall erin­nern, des­sen unglück­li­cher Aus­gang ihn bewog nicht mehr wei­ter zu arbei­ten. 30 Jah­re lang lebt er seit sei­nem Ent­schluss voll­kom­men zurück gezo­gen in sei­nem Land­haus, wo er sich sei­nem Gar­ten und sei­nen Bie­nen widmet.

Klei­ne Film­be­spre­chung: Der Film ist eine wun­der­ba­re Ent­wick­lungs­ge­schich­te: Hol­mes hat eine Haus­häl­te­rin enga­giert, weil der Haus­arzt das wei­te­re Allein­le­ben des ein­sa­men Man­nes für unver­ant­wort­lich hält. Hol­mes, anfäng­lich immer noch arro­gant und unfreund­lich, freun­det sich lang­sam mit dem Sohn der Haus­häl­te­rin an. Der Elf­jäh­ri­ge ist auf­ge­schlos­sen, klug und wiss­be­gie­rig. Er hilft Hol­mes, die Bie­nen zu ver­sor­gen und nimmt dem Alten bald die Arbeit ab. Wäh­rend die drei Men­schen ver­su­chen, in der länd­li­chen Ein­sam­keit mit­ein­an­der zurecht zu kom­men, wer­den unter­schied­li­che Erzähl­strän­ge gezeigt: Die Haus­häl­te­rin ist aus wirt­schaft­li­cher Not zu Hol­mes gekom­men. Denn der 2. Welt­krieg nahm ihr den Mann. Allein­er­zie­hend ver­sucht sie, mit ihrem alt­klu­gen, selbst­be­wuss­ten Sohn zurecht zu kom­men. Der nimmt sich den alten Hol­mes zum Vor­bild und spio­niert dem Alten hinterher.

Zan­th­oxylum pipe­r­itum DC (syn­onym Xan­th­oxylum pipe­r­itum); Japa­ni­scher Pfeffer.
Vor­kom­men: Chi­na, Korea.
Dro­ge: Szechu­an-Pfe­f­­fer (syn­onym Sans­ho, Zan­­th­­oxylum-pipe­r­i­tum-Peri­­­carp), die unrei­fen fri­schen oder rei­fen getrock­ne­ten Früch­te, zuwei­len auch die Frucht­wand der rei­fen Früchte.
Inhalts­stof­fe: Säu­re­ami­de mehr­fach unge­sät­tig­ter Säu­ren als Scharf­stof­fe, unter ande­rem Hydro­­­xy-gam­ma-sans­ho­öl (1,9–2,6 %), alpha-Sans­ho­öl (0,3–0,4 %) und gam­ma-Sans­ho­öl (0,06–0,08 %) sowie äthe­ri­sche Öl, und ande­re mit Citro­nell­al, Dipen­ten, (+)-Limo­nen, beta-Phel­land­ren und Geraniol.
Anwen­dung: Sto­ma­chi­kum bei Dys­pep­sien, als Wurm­mit­tel, beson­ders gegen Aska­ri­den, sowie als Gewürz, beson­ders für Fischgerichte.

zitiert nach: Karl Hil­ler, Mat­thi­as F. Melzig: Lexi­kon der Arz­nei­pflan­zen und Dro­gen. Spek­trum Aka­de­mi­scher Ver­lag, Heidelberg/Berlin, 2003.

Hol­mes unter­nimmt im Ver­lauf des Fil­mes immer wie­der den Ver­such “sei­nen” letz­ten Fall auf­zu­schrei­ben. Sein dama­li­ger Freund Wat­son hat­te die­sen zwar ver­öf­fent­licht, genau­so wie die ande­ren Kri­mi­nal­fäl­le, doch Hol­mes weiß, dass die popu­lär geschrie­be­ne Geschich­te nicht der Wahr­heit ent­spricht. Da ihm Wahr­heit und Logik über allem steht, hofft der Alte, dass ihm noch die Zeit bleibt, die Wahr­heit auf­zu­de­cken. Und damit ist er eigent­lich erst­mals sich selbst und sei­nen Ver­drän­gungs­me­cha­nis­men auf der Spur. Sei­ne zuneh­men­den Gedächt­nis­lü­cken las­sen Hol­mes ver­zwei­feln. Er hofft, dass ihm das Wun­der­mit­tel des Szechu­an­pfef­fers hel­fen kann. Um an den Szechu­an­pfef­fer zu kom­men, nimmt der hoch­be­tag­te Hol­mes noch eine Rei­se nach Japan auf sich. Er folgt einer Ein­la­dung eines Japa­ners, der sei­nen Vater ver­lor. Hol­mes ist die Ver­bin­dung zwi­schen Vater und Sohn, wie sich her­aus­stellt. Der Japa­ner beschafft Hol­mes die begehr­te Pflan­ze, wobei sich eine wei­te­re Geschich­te ent­wi­ckelt: Hol­mes fährt in die Regi­on Hiro­shi­mas, die wegen des Atom­schlags noch voll­kom­men in Schutt und Asche liegt. Dabei wird er berührt von den ent­stell­ten Men­schen und ihrer tie­fen Trau­er um ihre ermor­de­ten Ver­wand­ten. Und er deckt die Wahr­heit des Japa­ners und sei­nes Vater wie neben­bei auf. Denn Hol­mes mag zwar kaum noch Erin­ne­run­gen haben, doch sei­ne Kom­bi­na­ti­ons­ga­be ist ungebrochen.

Anmer­kung, Juli 2022 (Rai­ner H. Buben­zer, Eich­städt b. Berlin)
Es ist gut vor­stell­bar, dass der Dreh­buch­au­tor von Mr. Hol­mes (Wiki­pe­dia) zwar auf der Suche nach einem wirk­sa­men Mit­tel gegen Gedächt­nis­ver­lust (im Alter) war, aber auf kei­nen Fall ein bereits ver­mark­te­tes Prä­pa­rat erwäh­nen woll­te. Dies trifft weit­ge­hend auf Szechu­an-Pfe­f­­fer zu. Dies ist zwar ein Gewürz und hat sogar — eher unbe­deu­ten­de — gesund­heit­li­che Vor­tei­le, aber kei­ner­lei “erin­ne­rungs­stär­ken­de” Effek­te wie angeb­li­che Gin­seng, Ging­ko und ande­re Produkte.

Weni­ge Jah­re spä­ter hät­te die Wahl wohl auf ein ande­res Prä­pa­rat oder Gewürz fal­len müs­sen. Denn 2019 berich­te­ten For­scher aus Bra­si­li­en und Kolum­bi­en über Inhalts­stof­fe der Zan­­th­­oxylum-Pflan­­zen­­fa­­mi­­lie, zu der auch Szechu­an-Pfe­f­­fer gehört, über wohl­tä­ti­ge Effek­te von Pflan­­zen-Inhalts­­stof­­fen, die bei Pati­en­ten mit alz­hei­mer­be­ding­tem Gedächt­nis­ver­lust einst­mals hilf­reich sein könn­ten. Wie oft bei sol­chen Unter­su­chun­gen fol­gen lang­wie­ri­ge Ver­suchs­rei­hen, Tier- und schließ­lich Men­schen­ver­su­che, bevor der Gesund­heits­aus­sa­ge eines pflanz­li­chen Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel das OK gege­ben wer­den kann oder es gar ein neu­es Arz­nei­mit­tel gibt.

Quel­le: Pla­zas E, Caso­ti R, Avila Mur­il­lo M, Batis­ta Da Cos­ta F, Cuca LE: Meta­bo­lo­mic pro­fil­ing of Zan­th­oxylum spe­ci­es: Iden­ti­fi­ca­ti­on of anti-cho­­li­­ne­s­­ter­a­se alka­lo­ids can­di­da­tes. Phy­to­che­mis­try. 2019 Dec;168:112128 (Kurz­fas­sung: DOI, PMID).

Glück­lich mit dem Szechu­an­pfef­fer zuhau­se ange­langt, macht Hol­mes eine Szechu­an­pfef­fer-Kur, die ihm jedoch nicht beson­ders wei­ter­hilft (Gewürz bei Ama­zon kau­fen). Es ist letzt­end­lich der Jun­ge, der ihm durch Neu­gier und Fra­gen auf die Sprün­ge hilft. Zuletzt gelingt dem Alten, sei­nen Fall wie­der zu erin­nern: Hol­mes hat­te der ein­zi­gen Frau, die genau­so ein­sam war wie er, das Ange­bot abge­schla­gen, mit ihm zu leben “und gemein­sam ein­sam” zu sein. Vom Gefühl her, hät­te Hol­mes die­ses Ange­bot anneh­men müs­sen, denn es bestan­den star­ke Ban­de zwi­schen ihnen. Doch Kon­ven­tio­nen und Ratio­na­li­tät lie­ßen dies nicht zu. Die Frau nahm sich das Leben, was Hol­mes in Anbe­tracht sei­ner Fehl­ent­schei­dung, sei­ner Arro­ganz und Angst vor Neu­em tief erschüt­ter­te. Er fäll­te also die Ent­schei­dung, nicht mehr als Detek­tiv zu arbeiten.

Durch die Haus­häl­te­rin und ihren Sohn bekommt er jedoch eine neue Chan­ce, sich Men­schen zu nähern. Er erkennt, das Logik und die “abso­lu­te Wahr­heit” nicht alles im Leben sind. Die Wahr­heit kann näm­lich auch grau­sam sein, erkennt Hol­mes. Des­halb kön­nen Men­schen Träu­me, Unwahr­hei­ten und Not­lü­gen nut­zen, um einer inne­ren, zu grau­sa­men Wahr­heit zu ent­rin­nen. In der letz­ten Pha­se des Films ereig­net sich Dra­ma­ti­sches: Der Jun­ge, der ver­sucht, die Bie­nen vor Wes­pen zu ret­ten, will ein Wes­pen­nest zer­stö­ren, wird dabei jedoch von den wüten­den Wes­pen gesto­chen. Er erlei­det einen ana­phy­lak­ti­schen Schock. Nur durch die umsich­ti­ge und wis­sen­de Hil­fe von Hol­mes gelingt es, den Jun­gen am Leben zu hal­ten. Doch wie­der über­geht Hol­mes in sei­ner Arro­ganz einen Men­schen: Die Haus­häl­te­rin. Als Mut­ter wird sie nicht von Hol­mes über die Lebens­ge­fahr des Soh­nes infor­miert, was sie scho­ckiert und zutiefst ver­letzt. Als die bei­den im Kran­ken­haus war­ten, kommt es in Anbe­tracht des mit dem Leben rin­gen­den Jun­gen zu einer berüh­ren­den Aus­spra­che und erst­mals zu gegen­sei­ti­gem Ver­ständ­nis. Hol­mes beschließt sei­ner Haus­häl­te­rin sein Haus und Gar­ten zu ver­ma­chen, damit sie nach sei­nem Able­ben wirt­schaft­lich gesi­chert ist. Dafür bleibt sie mit ihrem — über­le­ben­den Sohn — bei ihm, bis an sein Lebensende.

So fin­det der schö­ne sehens­wer­te Film ein all­seits ver­söhn­li­ches Ende.

Autorin
• Mari­on Kaden, Ber­lin, 18. Janu­ar 2019.
Bild­nach­weis
• Mari­on Kaden, Ber­lin, 8. Febru­ar 2017.
wei­te­re Infos
• Mr. Hol­mes: Der Mann hin­ter dem Mythos, 2015 (bei Ama­zon aus­lei­hen oder kau­fen).
Pfef­fer­kun­de
Pfef­fer: Die wil­de Form ist die ursprüngliche
Pfef­fer: Geschmack­vol­le Verdauungshilfe
Heis­se Ware: Cayenne-Pfeffer
Nichts geht ohne Pfeffer

1 Gedanke zu „Szechu­an­pfef­fer oder Anispfeffer“

  1. Das ist eine sehr schö­ne Zusam­men­fas­sung des gesam­ten Films, eines Films der Über­ra­schun­gen und des Mit­den­kens. Die unter­schied­li­chen Hand­lungs­strän­ge regen zum Mit­den­ken an, und das Ende ist eher vor­her­seh­bar aber nicht zwin­gend. Schö­ne sorg­sa­me Bil­der, die die gesam­te Stim­mung im Film fein­sin­nig begleiten.

Kommentare sind geschlossen.