Schles­wig-Hol­stein meer­um­schlun­gen, Früh­jahr 2016

Postfelder See/ Preetz
Post­fel­der See bei Preetz

In der letz­ten Woche hat es sogar mal in Ber­lin zwei Tage gereg­net. Die Natur bedank­te sich dafür, indem von einem Tag zum ande­ren alles grün­te und blüh­te. Mit die­sem Ein­druck bin ich nach Schles­wig-Hol­stein gefah­ren. Das Bun­des­land etwa 300 Kilo­me­ter nörd­li­cher als Ber­lin hat­te einen ganz ande­ren Vege­ta­ti­ons­stand. Die Bäu­me waren noch kahl und Heil­pflan­zen, die bei uns längst ver­blüht sind, waren hier noch zu sehen. Ein Bericht.

Weidenkätzchen
Wei­den­kätz­chen

Zum Bei­spiel waren die Wei­den gera­de am Ver­blü­hen. Die­se Auf­nah­men sind in der wun­der­schö­nen Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Schweiz ent­stan­den, genau­er Preetz und Kiel. Rund um den Preet­zer Post­fel­der See laden Wege zu aus­gie­bi­gen Spa­zier­gän­gen ein. Sie füh­ren durch Natur­schutz­ge­bie­te, die Amphi­bi­en und Vögeln unge­stör­te Über­le­bens­mög­lich­kei­ten bie­ten. Orni­tho­lo­gisch Inter­es­sier­te kom­men auf ihre Kos­ten.

Knoblauchrauke
Knob­lauch­rau­ke

Auf der Müh­lenau, dem Ver­bin­dungs­flüß­chen zwi­schen Post­fel­der See und der Schwen­ti­ne ent­deck­te ich gleich zwei Schel­len­ten-Päar­chen. Ich habe die Baum­höh­len­brü­ter noch nie beob­ach­ten kön­nen. Hof­fent­lich fin­den die scheu­en Vögel auch eine Nist­mög­lich­keit. Denn alte Bäu­me sind sehr rar gewor­den. Ein Infor­ma­ti­ons­schild ver­wies noch auf ande­re sel­te­ne See­be­woh­ner: See­ad­ler, Rohr­dom­mel, Rohr­wei­he oder Eide­ren­ten.

Der "Schilfkreis" am oberen linken Bildrand deutet Reste einer "Molle" an.
Der “Schilfkreis” am obe­ren lin­ken Bild­rand deu­tet Res­te einer “Mot­te” an.

Auf dem ers­ten Abschnitt des Rund­we­ges um Preetz, der soge­nann­ten “Schus­ter­acht” (Preetz war frü­her Schus­ter­stadt), wird auf die beweg­te Geschich­te die­ser Regi­on hin­ge­wie­sen. Eine “Mot­te” (Cha­teau à mot­te= Burg auf Erd­hü­gel) wird sicht­bar. Karl der Gro­ße hat selbst hier im hohen Nor­den Poli­tik betrie­ben: 810 ließ er ent­lang der Schwen­ti­ne, einem Flüß­chen, das die Regi­on durch­fließt und in der Kie­ler För­de endet, Turm­hü­gel­bur­gen erbau­en, um die Sachen-Gren­ze (limes saxo­niae) zu befes­ti­gen. So sicher­te er sei­ne Gebiets­an­sprü­che gegen­über den “heid­ni­schen” Sla­wen (z.B. Obo­dri­ten, Pola­ben), die auf der ande­ren Sei­te sie­del­ten.

Schlehenblüte gerade am Anfang
Schle­hen­blü­te gera­de am Anfang

Die Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Schweiz ist eine End­mo­rä­nen-Land­schaft. Glet­scher schu­fen tie­fe Seen, Flüs­se und sanf­te Hügel, die die Regi­on zu einer abwechs­lungs­rei­chen, lieb­li­chen Land­schaft machen. Hier gibt es auch noch die alte Struk­tur der Knicks, die sich schüt­zend um die Fel­der säu­men und Vögeln, Klein­tie­ren Schutz und Refu­gi­en bie­ten. Nach Kiel aller­dings sind auch Bei­spie­le “effek­ti­ver” Land­wirt­schaft zu sehen. Die Knicks wur­den abge­schafft. Die rie­si­gen Fel­der sind dem Nord­see­wind und damit der Ero­si­on schutz­los aus­ge­setzt. Gül­le­ge­stank ver­mischt sich mit der See­luft und Gly­pho­sat-Fel­der sor­gen für die nach­hal­ti­ge Zer­stö­rung der Lebens­räu­me von Heil­pflan­zen, Wild­kräu­tern und letzt­end­lich auch Kleinst­le­be­we­sen und Vögeln. Lei­der scheint die Kie­ler Regie­rung kei­ne ein­heit­li­chen Kon­zep­te zum Natur­schutz zu haben. Dabei ist der Tou­ris­mus ein rela­tiv wich­ti­ger Fak­tor für das struk­tur­schwa­che Bun­des­land.

Am Strand
Am Strand

Auch ein Aus­flug an die Kie­ler För­de zeigt, dass bei­spiels­wei­se der Zer­sie­de­lung kein Ein­halt gebo­ten wird. Die Regi­on Mön­ke­berg direkt an der För­de, frü­her ver­schla­fen und ver­steckt hin­ter lau­schig-ein­sa­men Buchen­wäl­dern, ist nun Sied­lungs­ge­biet von Wohl­be­tuch­ten gewor­den, die ihre Vil­len hin­ter mäch­ti­gen auto­ma­ti­schen Eisen­to­ren oder hohen Sicht­schutz­he­cken zu ver­ste­cken suchen.

Austernfischer
Aus­tern­fi­scher

Dazwi­schen gibt es kaum erst­ge­mein­te Ver­su­che, noch ein paar Refu­gi­en für die Vögel zu schaf­fen. Die wer­den jedoch schon durch frei­lau­fen­de Hun­de ad absur­dum geführt.

Sportliches Surfen auf der Förde
Sport­li­ches Sur­fen auf der För­de

Eine sehr stei­fe Bri­se brach­te Wind von der Nord­see und türm­te Wel­len­ber­ge auf. Wun­der­ba­re fri­sche See­luft mit einer Pri­se See­tang ließ hei­mat­li­che Gefüh­le auf­kom­men und Erin­ne­run­gen an sorg­lo­se Ost­see-Strand-Tage mit Son­nen­brän­den und mäch­ti­gem Hun­ger nach stun­den­lan­gem Baden.

Gestrandete Qualle
Gestran­de­te Qual­le

Wie schön, dass Gerü­che, Wind und sturmum­tos­te Strän­de so etwas Schö­nes her­vor­zau­bern kön­nen! Klar, dazu gehö­ren auch Qual­len. Ihr mas­sen­haf­tes Auf­tre­ten im Som­mer sind Aus­druck einer über­dün­gen Ost­see.

Strandginster
Strand­gins­ter

Am Strand wuchs ein Gins­ter­busch, in den Buchen­wäl­dern grün­te es nur am Boden: Busch­wind­rös­chen und Bär­lauch lie­ßen sich bli­cken.

Pestwurz
Pest­wurz

An der Müh­lenau und einem angren­zen­den Feucht­ge­biet blüh­te Pest­wurz, die alte, wich­ti­ge Heil­pflan­ze. Auf der Rück­fahrt nach Ber­lin spür­te ich noch lan­ge den Wind auf mei­nem Gesicht. Schön war der Aus­flug, trotz eini­ger Wer­muts­trop­fen!

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